Was schreibt man in einen Brief zum Muttertag?
Etwas Konkretes statt etwas Schönes. Eine einzelne Erinnerung, ein Satz darüber, was sie ohne Worte für dich getan hat, und ein Dank, der sich auf genau das bezieht. Drei Absätze reichen. Ein kurzer, ehrlicher Brief wirkt länger nach als eine Seite mit geliehenen Worten.
„Hallo liebe andere Mama,*
ich sehe dich gegenüber auf der anderen Straßenseite, wie du versuchst deine Kinder sicher ans Ziel zu bringen.
Ich sehe dich beim Einkaufen, wie du damit beschäftigt bist, deine Kleinen davon abzuhalten, die Regale leer zu räumen und trotzdem den Wocheneinkauf zu schaffen.
Ich sehe dich, wie du von der Arbeit oder Zuhause loshetzt, um deine Kinder rechtzeitig von der Schule oder vom Kindergarten abzuholen.
Ich sehe dich auf dem Spielplatz und am See oder Schwimmbad im Sommer, wie du deinen Schätzen die schönste Kindheit schenkst.
Ich sehe dich.
Früher hat es mich traurig gemacht, dass du mir nicht zulächelst. Dass wir nicht wie zwei geheime Komplizinnen gemeinsame Sache machen, auf unserem gemeinsamen Weg als Mütter.
Aber jetzt verstehe ich es:
Wahrscheinlich geht es dir gerade, wie oft auch mir. Du hast zu wenig geschlafen, vermutlich auch gegessen, vom kalten Kaffee fangen wir gar nicht erst an.
Du hast entweder noch die Sachen von gestern an oder du hast es zwar geschafft, etwas Neues anzuziehen und vielleicht sogar zu duschen, aber ein paar Minuten später wurdest du mal wieder vollgekleckert. Oder gekotzt. Oder Schlimmeres.
Du brauchst deine ganze Kraft und Konzentration, um das zu tun, was in dem Moment wichtig ist.
Und auch wenn heute oder gerade wenn heute vielleicht der anstrengenste Tag deines Lebens war, muss ich dir etwas Wichtiges sagen:
Du bist eine echte Superheldin.
Du bist 24 Stunden am Tag auf Abruf bereit und die meisten davon im Einsatz.
Du hast keinen Urlaub und jede Minute am Tag für dich allein ist ein kostbarer Moment.
Seit du Mutter bist, hast du gelernt selbstlos zu lieben und dein Bestes zu geben, für dieses wundervolle Geschenk, das sich Kinder nennt.
Du zahlst jeden Tag einen Preis dafür, damit sich deine Kinder zu den besten, mitfühlendsten und fröhlichsten Menschen entwickeln, die sie sein können.
Jeden Abend bist du erschöpft vom vollen, fordernden Tag.
Aber: In deinem Herzen, da bist du auch ganz oft sehr glücklich. Also immer dann, wenn du nicht zu müde bist.
Glücklich darüber, dass du viel reicher bist als jemals zuvor, obwohl du doch so viel von dir jeden Tag verschenkst.
Aber Geben ist eben wirklich seliger als Nehmen.
Wenn es dir wie mir geht, dann platzt du manchmal fast vor Freude. Und behalte dir diese Momente immer in Erinnerung, denn von ihnen nimmst du deine Kraft an den Tagen, an denen dann wieder alles zu viel ist.
Atme tief ein. Mehrmals am Tag. Und sauge den Moment auf, an dem du dein Kind beim Schlafen beobachtest.
Es gibt nichts Beruhigenderes und Friedlicheres auf der Welt als ein schlafendes Kind.
Und wenn du auch nichts davon weißt, ich bin deine Komplizin und feuere dich an und weiß, dass du es großartig machst.
Alles Liebe zum Muttertag! (Eigentlich ist jeder Tag Muttertag, oder?)“
*Dieser Text ist schon 5 Jahre alt, aber weil er heute noch genauso aktuell ist wie damals, haben wir ihn wieder weiter nach vorne geschoben. Weil vielleicht du ihn heute lesen musst. Und wir ehrlich gesagt auch.

Drei Anfänge, wenn dir die Worte fehlen
Der schwierigste Teil ist der erste Satz. Diese drei tragen fast jeden Brief, und sie funktionieren für die eigene Mutter genauso wie für eine Frau, die einem wie eine zweite Mutter geworden ist.
- „Ich denke oft an den Tag, an dem …“ Eine einzige Szene, so genau wie möglich erzählt. Genau daran erinnert sich der andere Mensch später.
- „Was ich dir nie gesagt habe, ist …“ Für alles, was sonst immer im Nebensatz bleibt.
- „Danke, dass du nie … „ Der Dank für etwas, das jemand nicht getan hat, überrascht mehr als jedes Lob.
Häufige Fragen zum Brief an die Mutter
Wie lang sollte ein Muttertagsbrief sein?
Eine halbe Seite genügt. Was zählt, ist eine konkrete Erinnerung, nicht die Menge. Wer sich vornimmt, eine Seite zu füllen, schreibt fast immer Sätze, die auch in jeder anderen Karte stehen könnten.
Von Hand schreiben oder tippen?
Von Hand, wenn irgend möglich. Die Handschrift ist der Teil, den man Jahre später wiedererkennt, und sie verzeiht auch eine durchgestrichene Zeile.
Was, wenn das Verhältnis schwierig ist?
Dann schreib nichts, was nicht stimmt. Ein ehrlicher, kurzer Brief über eine einzelne gute Erinnerung ist besser als eine Seite Dankbarkeit, die sich beim Lesen falsch anfühlt. Und es ist völlig in Ordnung, in einem solchen Jahr gar nicht zu schreiben.
Passt das auch für eine Schwiegermutter oder Patentante?
Ja, und oft wirkt es dort noch stärker, weil niemand damit rechnet. Der Brief in diesem Beitrag richtet sich an eine Frau, die keine Mutter im engen Sinn ist, und genau darum geht es.
Was tun, wenn die Mutter nicht mehr lebt?
Viele schreiben den Brief trotzdem, für sich selbst. Er wird nicht abgeschickt und trotzdem gelesen, meistens vom Schreibenden, und zwar Jahre später noch.
Wann sollte der Brief ankommen?
Vor dem Muttertag, nicht am Tag selbst. Ein Brief, der ein paar Tage vorher eintrifft, wird in Ruhe gelesen statt zwischen Kaffee und Besuch.
Weiterlesen
Titelfoto: Sai de Silva auf Unsplash