Du dachtest, du kennst deinen Mann schon besonders gut und deshalb hast du ihn geheiratet? Und vor allem dachtest du, du kennst dich ganz genau?
Pustekuchen. Sobald Baby Nr. 1 auf die Welt kommt, verändert sich alles. Plötzlich sind dein Partner und du gezwungen, euer komplettes Leben umzustellen. Kein trautes du und ich mehr, sondern nur ein forderndes ich von eurem Baby.
Zugegeben: Die meisten von uns konzentrieren sich auf die wunderschönen Seiten des Elternwerdens und das ist genau richtig. Das Glück überhaupt ein Baby zu haben, im besten Fall ein gesundes, ist einfach wunderbar.
Aber nichtsdestotrotz werden wir alle dabei an unsere Grenzen gebracht.
Wie übersteht man das Elternsein ohne durchzudrehen?
Indem man akzeptiert, dass die eigenen Grenzen sichtbar werden. Mit einem Baby lernt man sich und den Partner von einer Seite kennen, die vorher keinen Anlass hatte. Was hilft, sind wenige verabredete Regeln für anstrengende Momente, eingeplante Auszeiten für jeden einzeln und der Blick darauf, was in einem Kind steckt.
Leben mit Kindern: Jetzt lernst du dich und deinen Partner wirklich kennen
Die letzten Tage musste ich darüber nachdenken, wie das Elternsein, vor allem das Vorbildsein, uns verändert und fordert. Ein wichtiger Prozess, der auch Beziehungen und Ehen verändern kann, zum Guten oder zum Schlechten. Denn plötzlich lernst du dich und deinen Partner richtig kennen!
Jeder von uns ist manchmal einfach erschöpft und möchte nur noch schlafen. Oder du bist frustriert, weil dein Mann mal erschöpft ist und einfach nur schlafen will.
Wie gehen wir mit anstrengenden Situationen um?
Ganz viel ist natürlich Übungssache. Manchmal fühlt man sich einfach hilflos in diesem Erziehungsprozess und muss sich entscheiden, sich richtig zu verhalten, auch wenn es im Moment viel einfacher wäre, es nicht zu tun.
Mir hilft immer, mir klar zu machen, was passiert, wenn ich es nicht tue. Was macht es mit meinem Kind, dass gerade seine Grenzen testet, wenn ich es nicht gleich beruhige oder sogar anschreie? Die langfristigen Folgen für seine Psyche und seine Entwicklung sind viel krasser, als wenn ich es schaffe ruhig zu bleiben und ihm auf eine gute Art und Weise Grenzen aufzuzeigen, aber gleichzeitig Liebe und Sicherheit zu vermitteln.
Das Schlafengehen ist zum Beispiel so ein Thema. Welches Kind will schon schlafen?
Ich bin so dankbar für einen Mann, der nicht ausrastet oder rumschreit, wenn die Kids mal anstrengend sind und nicht ins Bett gehen wollen.
Gestern war es erst wieder soweit: Wie in vielen anderen Familien auch, ist es bei uns einfacher, wenn mein Mann den Kids abends noch ein Buch vorliest, mit ihnen betet und sie anschließend in ihre Betten legt. Natürlich muss ich so manches Mal dann doch einspringen, aber ich bewundere deshalb einfach die Engelsgeduld, die mein Schatz mit den Kids hat.
Wenn ich das mache, wollen sie mich selten gehen lassen. Die meisten noch so mutigen Kinder, werden einfach total Mama-fixiert sobald sie müde werden.
Um in solchen Situationen die Fassung zu behalten und geduldig zu bleiben, haben wir einen einfachen Trick:
Das riesige Potenzial in den Kindern sehen
Ich liebe es, wenn wir beide uns darüber unterhalten, welche Potenziale und Talente in unseren Kindern stecken. Wenn wir schon den wunderbaren Mann und die wundervolle Frau sehen können, die einmal aus unserem Sohn und unserer Tochter werden können.
Das ist es, was uns klar macht, wie wichtig es ist, sie immer in die richtige Richtung zu fördern, sie auch mal zu fordern, aber vor allem immer zu lieben und ihnen Sicherheit zu geben.
Kinder sind unsere Zukunft. Unsere persönliche Zukunft als Familie. Wollen wir eine liebevolle Familie sein oder eine, die sich nichts mehr zu sagen hat, sobald die Kinder aus dem Haus sind?
Noch viel wichtiger: Kinder sind die Zukunft dieser Welt. Welche Menschen sollen morgen auf dieser Welt leben und sie entscheidend prägen?
Welche Werte wollen wir unseren Kindern mitgeben? Die Antworten auf diese Fragen helfen mir einen guten Erziehungsstil zu entwickeln und nicht an dem Alltagsstress und den täglichen Herausforderungen zu scheitern.
Wann immer ich mit Müttern von erwachsenen Kindern rede, höre ich von so vielen Herausforderungen, die sie als Familie hatten: ob finanziell, krankheitsbedingt oder andere schwierige Situationen. Aber wenn sie sich nicht beirren ließen und an der Liebe und der Wertschätzung zueinander festgehalten haben, sind sie immer stärker daraus hervorgegangen.
Das sind die Vorbilder, an denen ich mich orientiere. Gerade in dieser intensiven Zeit mit Babys und Kleinkindern. Ich behalte den Fokus auf den wichtigen Dingen und freue dich schon auf die Zukunft mit meiner Familie.
Wie geht man mit anstrengenden Situationen um?
Mit einem Plan, der vor der Situation steht. Verabredet zu zweit, wer übernimmt, wenn einer nicht mehr kann, und wie das angesagt wird, ohne dass es nach Vorwurf klingt. Ein Satz reicht: Ich brauche zehn Minuten. Wer allein ist, legt das Kind an einem sicheren Ort ab und geht kurz aus dem Zimmer. Ein Baby, das fünf Minuten im Bett weint, ist sicher. Der Erwachsene, der die Beherrschung verliert, ist das Risiko, nicht das Weinen.
Warum verändert ein Kind die Beziehung so stark?
Weil drei Dinge gleichzeitig eintreten: Schlafmangel, Wegfall der Zeit zu zweit und eine Aufgabenverteilung, die sich einstellt, ohne dass jemand sie beschlossen hat. Daraus entstehen selten große Konflikte, sondern viele kleine Reibungen über Dinge, die vorher niemanden gestört hätten. Wer das weiß, nimmt es weniger persönlich. Was gegensteuert, sind feste Zeiten zu zweit und Bereiche, die einer ganz übernimmt, statt bei allem zu helfen.
Wie sieht man das Potenzial im Kind statt nur das Anstrengende?
Indem man Eigenschaften umdreht. Ein Kind, das nicht nachgibt, ist auch eines, das später nicht jedem Druck folgt. Eines, das alles anfasst, ist neugierig. Eines, das laut ist, wird gehört werden. Das ist keine Schönfärberei, sondern eine genauere Beschreibung: Die Eigenschaft ist dieselbe, nur der Zusammenhang macht sie im Alltag anstrengend und später wertvoll. Diese Umdeutung ändert nichts am Tag und viel an der Stimmung.
Wann sollte man sich Unterstützung suchen?
Wenn die Erschöpfung bleibt, auch nach einem ruhigen Wochenende, wenn Wut häufiger kommt, als einem lieb ist, oder wenn dieselben Streits seit Wochen gleich verlaufen. Erste Adressen sind die Hausärztin, die Erziehungsberatungsstellen der Kommunen und die Familienberatung der Wohlfahrtsverbände. Das Elterntelefon der Nummer gegen Kummer ist unter 0800 111 0 550 kostenlos und anonym erreichbar. Früh anzurufen ist deutlich leichter als spät.