Wenn Mamas aufeinandertreffen, kommt man meist ganz schnell auf ein Thema:

Was kann dein Kind schon alles? Ich vermeide diese Gespräche ehrlicherweise so gut es geht, denn als Mutter von drei Kindern weiß ich: Jedes Kind ist einzigartig.

Natürlich gibt es Erfahrungswerte, an denen man ablesen kann, ob sich das eigene Kind ungefähr so schnell wie üblich entwickelt oder etwas länger braucht. Auch der Kinderarzt fragt in den U-Untersuchungen die Entwicklung von Motorik und Sprache der Kinder ab. Das hat natürlich absolut seine Berechtigung, um zu erfahren, ob man sein Kind noch besser fördern kann.

Aber im Alltag sollten wir uns wirklich entspannen: Unser Erziehungsstil und die Entwicklung unserer Kinder sind einfach einzigartig: Vergleiche führen nur dazu, dass wir uns entweder als etwas Besseres fühlen oder dass wir traurig sind, weil unsere Kids für manche Dinge vielleicht noch etwas brauchen.

Aber die meisten Eltern geben ihr Bestes, um ihre Kinder zu gesunden Menschen heranzuziehen, wir sind alle auf der gleichen Reise, bei dem Versuch unsere Kinder so gut wie möglich zu lieben und zu fördern.

Wann ist eine Entwicklung noch normal?

Fast immer, wenn sie nur langsamer ist als bei anderen Kindern. Die Spannen sind groß: Laufen zwischen 10 und 18 Monaten, erste Wörter zwischen 10 und 15, Zweiwortsätze zwischen 18 und 24 Monaten. Auffällig wird es erst, wenn ein Kind gar keine Fortschritte macht oder Erworbenes wieder verliert.

Jedes Kind ist einzigartig: Motorik

Auch Geschwister sind oft total unterschiedlich: Während unser Großer fast gleichzeitig mit dem Laufen (eher früh) Krabbeln gelernt hat (eher später), ist er davor mit kreativen Rückwärts-Moves in der Wohnung herumgekommen und hast sich schon damals eher auf Werfen und Ball spielen konzentriert. Er wollte einfach schon unbedingt immer Stehen und hat sich nicht fürs Krabbeln interessiert.

Unsere Tochter hat Krabbeln einigermaßen klassisch gelernt und anschließend das Laufen. Das auch eher früher, aber kein Wunder: Mit einem liebevollen, großen Bruder hatte sie auch schon den perfekten Personal Trainer.

Noch wissen wir nicht, wie es bei unserem Baby sein wird, aber er versucht mit seinen 4 Monaten schon kräftig sich zum Sitzen aufzurichten.

Was, wenn dein Kind sich später entwickelt, als es sollte?

Erst mal tief durchatmen und nicht irritieren lassen. Freunde von uns haben beide selber erst spät Laufen gelernt als Kinder und bei ihren beiden Jungs war es ebenso.

Obwohl der Kinderarzt anfangs nicht so happy mit der Entwicklung war, können sie inzwischen prima laufen und rennen und sind total fit. Die Eltern sind übrigens auch sportlicher als Theo und ich, obwohl sie später laufen gelernt haben. Jede Entwicklungsphase und jedes Kind sind einfach einzigartig.

Übrigens wird kein Arbeitgeber dein Kind einmal fragen, wann es Laufen gelernt hat oder wann es schon alleine auf die Toilette gehen konnte. Es ist später einfach nicht mehr wichtig, auch wenn sich jetzt unsere Welt viel um solche Entwicklungsphasen dreht.

Jedes Kind ist einzigartig: Sprache

Auch bei der Sprache kann ich nur noch einmal wiederholen: Jedes Kind ist einzigartig!

Ich habe schon öfter gehört, dass es die Kinder gibt, die erst ganz viel Sprache in sich aufsaugen und dann von einem Tag auf den anderen richtig viel losreden. Und dann, dass es Kinder gibt, die Wort für Wort lernen und alles gleich anwenden und üben.

Unser Großer hat eher zur ersten Kategorie gehört und unsere Tochter eher zur 2. Kategorie. Unser Großer hat mir schon ziemlich früh beispielsweise ein Spielzeug-Zebra gebracht, wenn ich ihn gebeten habe ein Zebra zu bringen. Aber er konnte es selber noch nicht sagen. Trotzdem habe ich gesehen, wie es in seinem Kopf gearbeitet hat und er mir auf meine Bitte hin das Richtige gebracht hat.

Als irgendwann der Sprachknoten bei ihm geplatzt war, konnte er gar nicht mehr aufhören zu reden, er liebt es bis heute.

Unsere Tochter konnte eigentlich schon mit 1,5 Jahren richtig gut reden, was sehr, sehr früh ist. Aber auch hier: Kinder lernen von anderen Kindern besser als von Erwachsenen, besonders von ihren Geschwistern. Und unser Großer hat schon immer viel mit unserer Tochter geredet, wir als Eltern natürlich auch.

Und auch wenn sie schon so früh sprechen gelernt hat, haben ihre Altersgenossen schon fast aufgeholt und sehr bald wird man gar keinen Unterschied mehr merken.

Also liebe Mamis, lasst uns das Entwicklungsthema nicht so zu Herzen nehmen und uns gegenseitig verunsichern. Lasst uns unsere Kinder so gut es geht fördern. Am Besten klappt das laut Lernpsychologen übrigens nicht durch Kurse, sondern durch Lernen während des Spielens und viel Aufmerksamkeit und Liebe.

Nächste Woche schreibe ich übrigens darüber:

Jedes Kind ist einzigartig: Teil 2: Charakter & Begabung

Wann sollte man mit der Kinderärztin sprechen?

Bei einigen Zeichen ohne Abwarten. Wenn ein Kind mit zwölf Monaten nicht auf seinen Namen reagiert, wenn es mit achtzehn Monaten nicht auf Dinge zeigt, wenn es mit zwei Jahren keine erkennbaren Wörter spricht, wenn es mit achtzehn Monaten nicht frei sitzt oder wenn es Fähigkeiten verliert, die es schon hatte. Auch eine Seitenungleichheit, also wenn ein Arm oder Bein deutlich weniger benutzt wird, gehört angesehen. Und wenn dein Gefühl sagt, dass etwas anders ist, ist das ein guter Grund.

Was bringen die U-Untersuchungen?

Sie sind der verlässlichste Weg, etwas früh zu bemerken, ohne selbst Fachfrau zu sein. Bei jedem Termin werden Motorik, Sprache, Hören, Sehen und das Verhalten in einem festen Raster geprüft, und die Ärztin sieht dabei viele Kinder desselben Alters. Genau darin liegt der Wert: Der Vergleich mit dem Nachbarkind sagt wenig, der Vergleich mit hunderten viel. Nimm Beobachtungen mit, die dir aufgefallen sind, am besten aufgeschrieben, denn im Termin fällt einem selten alles ein.

Fördert man ein Kind, indem man übt?

Weniger, als viele annehmen. Motorik und Sprache entwickeln sich vor allem durch Gelegenheit, nicht durch Training. Was wirkt: viel Zeit auf dem Boden statt in Sitzgeräten, Räume, in denen ein Kind sich hochziehen kann, und Erwachsene, die im Alltag sprechen, benennen und Pausen lassen, in denen das Kind antworten kann. Was wenig bringt, sind Förderprogramme für Zweijährige. Was schadet, ist der Druck, der dabei entsteht.

Warum vergleichen Eltern trotzdem?

Weil es die einfachste verfügbare Messlatte ist und weil Unsicherheit nach Zahlen sucht. Der Vergleich hat aber einen Konstruktionsfehler: Er nimmt ein einzelnes Kind als Maßstab, das selbst irgendwo in einer großen Spanne liegt. Sinnvoller ist der Blick auf das eigene Kind über die Zeit. Was konnte es vor drei Monaten, was heute? Diese Linie sagt mehr als jeder Vergleich am Spielplatzrand, und sie macht deutlich weniger Angst.