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„Mir ist langweilig.“ Der Satz fällt bei uns an fast jedem Nachmittag, meistens gegen halb vier, und er klingt jedes Mal wie ein Vorwurf. Als hätte ich etwas vergessen. Als wäre es meine Aufgabe, den Tag zu füllen, bis kein Loch mehr darin ist.

Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass genau dieses Loch das Wertvollste am Nachmittag ist. Hier steht, warum Langeweile für Kinder wichtig ist, was Eltern besser nicht tun, wenn sie kommt, wie man die ersten zwanzig Minuten aushält und woran man erkennt, wann Langeweile doch ein Zeichen für etwas anderes ist.

Warum ist Langeweile für Kinder wichtig?

Weil in der Langeweile die eigenen Ideen entstehen. Ein Kind, das immer beschäftigt wird, muss nie selbst auf etwas kommen. Erst wenn nichts los ist, fängt es an zu erfinden: die Höhle aus Sofakissen, das Spiel mit eigenen Regeln, der Staudamm im Rinnstein. Langeweile ist keine Lücke im Tag, sie ist die halbe Stunde, in der ein Kind lernt, sich selbst zu beschäftigen.

Was in der Langeweile passiert

Von außen sieht es nach nichts aus. Das Kind liegt auf dem Teppich, dreht sich, seufzt, fragt zum dritten Mal, ob es fernsehen darf. Innen passiert in dieser Zeit mehr als in jeder Stunde vor dem Bildschirm: Das Kind sucht. Es geht im Kopf durch, was da ist, was es könnte, was es gestern gemacht hat, und irgendwann bleibt es an etwas hängen.

Dieses Hängenbleiben ist der Moment, um den es geht. Eine Idee, die aus der Langeweile kommt, gehört dem Kind. Es hat sie sich selbst gegeben, und deshalb bleibt es länger dabei als bei allem, was wir ihm vorschlagen. Wer Kindern zusieht, die eine Stunde lang ein Spiel spielen, das es gestern noch nicht gab, hat fast immer eine langweilige halbe Stunde davor übersehen.

Dazu kommt etwas, das erst später sichtbar wird: Ein Kind, das gelernt hat, mit sich selbst etwas anzufangen, braucht als Jugendlicher und Erwachsener keinen ständigen Reiz von außen. Es hält Wartezeiten aus, es hält Stille aus, es hält sich selbst aus. Das ist kein Nebeneffekt, das ist der Grund, warum wir Langeweile nicht mehr sofort beenden.

Was Eltern besser nicht tun

Das Schwierige an Langeweile ist nicht das Kind, sondern unser eigener Reflex. Wir halten sie schlecht aus, weil sie sich wie ein Versäumnis anfühlt. Daraus entstehen vier Fehler, die alle gut gemeint sind.

Sofort eine Beschäftigung liefern

„Dann mal doch was“ oder „Bau doch mit den Bausteinen“ kommt in Minute zwei, und das Kind lehnt ab. Nicht, weil die Idee schlecht wäre, sondern weil es nicht seine ist. Ein Vorschlag von uns ist eine Aufgabe. Dieselbe Idee, vom Kind selbst gefunden, ist ein Plan. Wer in Minute zwei liefert, nimmt dem Kind die Suche, die gerade erst begonnen hat.

Den Bildschirm als Antwort

Das Tablet beendet Langeweile sofort und zuverlässig, und genau das ist das Problem. Vor dem Bildschirm muss ein Kind nichts mehr erfinden, es wird beliefert. Die halbe Stunde, in der die eigene Idee gekommen wäre, ist weg. Und beim nächsten Mal kommt der Satz „Mir ist langweilig“ schneller, weil das Kind gelernt hat, dass darauf eine Belohnung folgt.

Langeweile als Vorwurf zurückgeben

„Du hast ein Zimmer voller Spielzeug und dir ist langweilig?“ Der Satz stimmt und hilft nicht. Das Kind fühlt sich ertappt, statt zu suchen. Besser ist, die Langeweile anzuerkennen und trotzdem nichts zu tun: „Ja, das kenne ich. Das geht vorbei.“

Den Nachmittag im Voraus vollplanen

Kurs am Montag, Verabredung am Dienstag, Sport am Mittwoch. Kinder, die keinen leeren Nachmittag mehr haben, kennen die Langeweile nicht, und sie kennen deshalb auch nicht den Weg heraus. Ein freier Nachmittag in der Woche, an dem nichts vorgesehen ist, ist keine verlorene Zeit, sondern die Übung, um die es hier geht.

Die ersten zwanzig Minuten aushalten

Langeweile hat einen Verlauf, und wer ihn kennt, hält sie leichter aus. Die ersten fünf Minuten sind Protest: Das Kind nörgelt, hängt an dir, fragt nach dem Bildschirm. Dann kommt eine Phase, in der es scheinbar nichts tut. Das ist die Suche, und sie sieht von außen nach Leerlauf aus. Nach etwa zwanzig Minuten hat fast jedes Kind etwas gefunden, und meistens ist es etwas, worauf wir nie gekommen wären.

Was in dieser Zeit hilft, ist wenig, und das Wenige ist wichtig:

  • In der Nähe bleiben, aber nicht verfügbar sein. Du kochst, du räumst auf, du liest. Das Kind sieht, dass du beschäftigt bist und dass das kein Notfall ist.
  • Einen Satz haben, der immer gleich lautet. Bei uns ist es „Langeweile ist der Anfang von allem.“ Die Kinder verdrehen die Augen, und sie kennen ihn auswendig.
  • Nicht verhandeln. Wenn der Bildschirm eine feste Zeit im Tag hat, etwa eine halbe Stunde nach dem Abendessen, ist er am Nachmittag keine Frage mehr. Ein Kind verhandelt nur, was verhandelbar ist.
  • Auf das Kind zeigen, nicht auf eine Idee. „Was könntest du machen?“ ist eine Frage, die es zurückgibt. „Du könntest malen“ ist ein Vorschlag, den es ablehnen kann.

Und ein Grundsatz, der bei uns seit Jahren gilt: Bildschirme gibt es nur in Familienräumen. Tablet, Handy und Fernseher stehen im Wohn- oder Esszimmer, nie im eigenen Zimmer. Was im Kinderzimmer liegt, wird zur Antwort auf jede stille Minute, und niemand sieht, was läuft. Was im Wohnzimmer steht, wird gemeinsam benutzt, hat eine Zeit und ein Ende, und die Langeweile im eigenen Zimmer bleibt das, was sie sein soll: der Anfang von etwas Eigenem.

Die Schublade, die immer geht

Es gibt einen Unterschied zwischen einem Kind, das sich langweilt, und einem Kind, das nichts hat. Das zweite braucht keine Langeweile, sondern Material. Deshalb gibt es bei uns eine Schublade, zu der die Kinder ohne Fragen dürfen: Karton, Klebeband, Schere, Schnur, Wachsmalstifte, Knöpfe, alte Zeitschriften. Nichts davon ist ein Spielzeug, und genau deshalb funktioniert es. Aus einem Karton werden ein Auto, ein Haus, ein Schild, ein Boot, je nachdem, was gerade gebraucht wird.

Wer die Schublade neu anlegt, findet das meiste im Haus. Was fehlt, kommt aus einem Bastelkoffer für Kinder, in dem Pfeifenputzer, Wackelaugen, Pompons und Tonpapier gleich sortiert sind. Wichtig ist nicht, was drin ist, sondern dass das Kind nicht fragen muss.

Wie das je nach Alter aussieht

Langeweile sieht mit drei anders aus als mit zehn, und was Eltern dabei tun, ändert sich mit.

Alter So zeigt sich Langeweile Was hilft
2 bis 3 Quengeln, Anhängen, alles herunterwerfen Nähe und ein Material, nicht ein Spiel: eine Schüssel Wasser, ein Korb Wäscheklammern
4 bis 6 „Spiel mit mir“, zehnmal in der Stunde Einmal anfangen, dann aussteigen: zwei Minuten mitbauen, dann „ich muss kochen, mach weiter“
7 bis 10 „Mir ist langweilig“ als Ansage, Bildschirm als Forderung Der feste Satz, die Schublade, eine Liste zum Aussuchen an der Wand
ab 11 Rückzug ins Zimmer, das Handy in der Hand Ein Nachmittag ohne Termin in der Woche, an dem das Handy nicht im Zimmer liegt, und Gelassenheit, wenn zunächst nichts passiert

Eine Liste zum Aussuchen

Das, was bei uns am meisten verändert hat, ist ein Blatt am Kühlschrank: fünfzig Dinge, die man am Nachmittag tun kann, in vier Gruppen sortiert, draußen, mit den Händen, drinnen, zusammen. Der Trick ist nicht die Liste, sondern wer sie liest. Wenn das Kind sich etwas aussucht, ist es sein Plan. Wenn ich vorlese, ist es meiner.

Auf so eine Liste gehört nur, was ohne Vorbereitung geht. Nichts, was einen Einkauf braucht, nichts, was du anleiten musst. Hier ist unsere, so wie sie bei uns hängt.

Draußen

  • Barfuß durch den Garten laufen
  • Einen Stock suchen, der genau passt
  • Kastanien sammeln und zählen
  • Eine Schnitzeljagd durch die Straße legen
  • Mit Kreide ein Hüpfspiel malen
  • Nach dem Regen Regenwürmer retten
  • Blätter sammeln und bestimmen
  • Einen Staudamm im Rinnstein bauen
  • Wolken ansehen und Tiere darin finden
  • Auf Zeit einmal ums Haus rennen
  • Vögel füttern und zählen
  • Ein Versteck aus Decken und Wäscheleine bauen
  • Steine bemalen und verstecken

Mit den Händen

  • Aus einem Karton etwas bauen
  • Papierflieger falten und weit werfen
  • Perlen auffädeln
  • Salzteig kneten
  • Ein Windrad basteln
  • Eine Postkarte an Oma malen
  • Knöpfe nach Farben sortieren
  • Aus Papier und Faden ein Buch binden
  • Aus Klopapierrollen ein Fernrohr bauen
  • Freundschaftsbänder knüpfen
  • Mit Wasserfarben ohne Vorlage malen
  • Ein Mobile aus Zweigen und Blättern basteln

Drinnen

  • Eine Höhle aus Sofakissen bauen
  • Wäsche als Wettkampf zusammenlegen
  • Ein altes Fotoalbum ansehen
  • Im Dunkeln Verstecken spielen, mit Taschenlampe
  • Musik an und tanzen, bis alle lachen
  • Ein Kartenspiel neu erfinden
  • Ohne Rezept Kekse backen
  • Das eigene Zimmer neu dekorieren
  • Zu dritt erzählen, jeder einen Satz
  • Schattenbilder an die Wand werfen
  • Ein Rätsel für die Familie schreiben
  • Auf Zeit Sockenpaare suchen

Zusammen

  • Kochen, und das Kind bestimmt
  • Einen Brief an das eigene Ich in zehn Jahren schreiben
  • Sich zwanzig Minuten vorlesen lassen
  • Blumenzwiebeln setzen und im Frühling nachsehen
  • Die Großeltern am Telefon interviewen
  • Ein Spiel erfinden und die Regeln aufschreiben
  • Etwas reparieren, das kaputt ist
  • Aufschreiben, was ihr diesen Herbst tun wollt
  • Sich gegenseitig etwas beibringen
  • Still sein und horchen, was man hört
  • Den Nachmittag vom Kind planen lassen
  • Etwas aussortieren und verschenken
  • Aus dem Fenster sehen und Leute erfinden

Zum Ausdrucken gibt es die Liste als Blatt in A4, mit denselben fünfzig Ideen in vier Gruppen: Die Ideenliste für den Nachmittag als PDF. Ausdrucken, an den Kühlschrank, und beim nächsten „Mir ist langweilig“ nur noch darauf zeigen.

Wann Langeweile ein Zeichen ist

Alles oben gilt für die gewöhnliche Langeweile, die kommt und geht. Es gibt eine andere, und die sieht ähnlich aus und ist etwas anderes: ein Kind, das über Wochen an nichts mehr Freude hat, das auch nach der halben Stunde nichts findet, das sich zurückzieht, schlecht schläft oder nicht mehr zu Freunden will. Das ist keine Langeweile, das ist Traurigkeit, Überforderung oder Einsamkeit, und es braucht ein Gespräch, nicht eine Liste.

Der Unterschied liegt in der Dauer und in der Stimmung. Langeweile ist laut und vergeht. Das andere ist leise und bleibt. Wer sich unsicher ist, spricht mit der Erzieherin oder der Lehrerin, die das Kind in der Gruppe sieht, und bei anhaltender Sorge mit der Kinderärztin. Was hilft, wenn ein Kind niemanden zum Spielen hat, steht in unserem Beitrag Mein Kind hat keine Freunde.

Häufige Fragen zur Langeweile bei Kindern

Ist Langeweile für Kinder wirklich gut?

Ja, in der gewöhnlichen Form: ein leerer Nachmittag, an dem das Kind selbst etwas finden muss. Dort entstehen eigene Ideen und die Erfahrung, sich selbst beschäftigen zu können. Langeweile, die über Wochen anhält und mit Rückzug einhergeht, ist etwas anderes und gehört angesehen.

Wie lange soll ich Langeweile aushalten?

Etwa zwanzig Minuten. So lange braucht ein Kind, um vom Protest über die Suche zur eigenen Idee zu kommen. Wer früher eingreift, unterbricht die Suche; wer nach einer Stunde immer noch ein nörgelndes Kind hat, darf einen Anstoß geben, am besten als Frage.

Was sage ich, wenn mein Kind sagt, ihm ist langweilig?

Einen Satz, der die Langeweile anerkennt und nichts anbietet: „Ja, das kenne ich. Das geht vorbei.“ Oder eine Frage, die zurückgibt: „Was könntest du machen?“ Keinen Vorschlag und keinen Vorwurf.

Darf mein Kind bei Langeweile fernsehen?

Nicht als Antwort auf die Langeweile. Wenn Fernsehen oder Tablet eine feste Zeit im Tag haben, ist das etwas anderes; dann ist der Bildschirm ein Teil des Tages und keine Belohnung für Nörgeln. Was ein Kind lernt, wenn Langeweile mit einem Bildschirm beendet wird, ist, dass Langeweile sich lohnt.

Mein Kind kann sich gar nicht allein beschäftigen. Woran liegt das?

Meistens daran, dass es das nie üben musste, weil immer jemand da war oder etwas lief. Das lässt sich nachholen, aber nicht an einem Tag. Kurze Phasen zuerst, fünf Minuten, dann zehn, du in der Nähe, aber beschäftigt. Nach ein paar Wochen sind es zwanzig Minuten, und danach kommt das Kind von allein.

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Titelfoto: Hossam M. Omar auf Unsplash